ARTISTS ANONYMOUS
everything is possible – everything is done
4. September – 23. Oktober 2010

VERNISSAGE
Freitag, 3. September 2010, 18 Uhr

ADLER - FRANKFURT AM MAIN


Vom 4. September bis zum 23. Oktober zeigt Galerie Adler ARTISTS ANONYMOUS:

„Everything is possible – everything is done“.

Alles ist möglich – aber in der zeitgenössischen Kunst entsteht tatsächlich nur selten etwas „Neues,“ etwas, das unsere Wahrnehmung und unseren Geist wirklich fordert. Werke, bei denen uns während der Betrachtung ein leichter Schwindel erfasst - ein Zeichen dafür, dass das Gesehene in keine bekannte Kategorie passen will. Wie bei der 2001 in Berlin gegründeten Künstlergruppe ARTISTS ANONYMOUS.

Ein Gedankenexperiment.
Einmal angenommen, man könnte alle jemals geschaffenen Bilder übereinander legen, bis aus dieser Schichtung von Motiven und Farben Schritt für Schritt ein Einheitsfarbton würde. Das Ende der Farbigkeit. Vielleicht bliebe nur Schwarz.
Everything is done. Oder wir nehmen an, es gäbe eine Art Resetbutton, um die innere und äußere Bilderflut zu löschen. Ein Neuanfang. Wahrscheinlich wäre das, was übrig bliebe, reines Weiß. Die Farbe, die alle anderen enthält, oder gemäß Malevich, der „monochrome Nullzustand.“ Everything is possible.

Diese beiden Pole thematisieren – in Form je eines weißen und eines schwarzen quadratischen Gemäldes – den Leitgedanken der Ausstellung bei Galerie Adler: Das komplexe Beziehungsgefüge zwischen künstlerischem Medium und den zahlreichen Aspekten des Farbspektrums.
Die beiden Gemälde versinnbildlichen die Grenzpunkte, aus denen sich alles andere entwickelt. Die perfekte und dadurch quasi neutrale Figur des Quadrats, einmal in reinem Weiß und einmal in lichtabsorbierendem Schwarz, fungiert als Hinweis auf die konzeptionelle Herangehensweise der Künstlergruppe, in diesem Fall die Rückbesinnung auf das Wesentliche: Farbe und Form. Dass es sich hierbei um gemalte Bilder handelt, ist Teil des gleichen Gedankens, denn ARTISTS ANONYMOUS beginnen immer mit Malerei, der ursprünglichsten Form künstlerischen Ausdrucks.
Nun wird der Betrachter eingeladen, alles bisher Gesehene zu vergessen und sich auf eine Reise in unbekannte Wahrnehmungswelten zu begeben. Farbe ist nicht einfach Farbe – was ist denn überhaupt dort, wo sie nicht sichtbar ist? Kann man Farbe auch „installieren“ ? Welche Empfindungen werden heraufbeschworen, wenn nicht nur Motive, sondern auch Farben „spiegelverkehrt“ erscheinen?
ARTISTS ANONYMOUS kreieren Werke, die wie Fotonegative wirken, erschaffen großformatige Fotografien von Original-Malereien, lassen Bilder entstehen, die wie der Nachhall vergangener Bilder erscheinen, oder sie verarbeiten das Thema „Farblosigkeit“ als Installation.

Wäre das „Neue“ an ihrer Kunst einfach nur eine besonders provokante Bildsprache oder die Verwendung außergewöhnlicher Materialien, würde es uns nicht schwer fallen, dafür eine Kategorie zu finden und in oft geübter Weise zu reagieren – beispielsweise mit Gleichgültigkeit. Den fremdartigen Reizen von Positiv-Negativ Bildern jedoch, bei denen nicht mehr klar ist, was Original und was Abbild ist, deren „umgekehrte“ Farbigkeit uns dazu bringt, unermüdlich einen Ursprungszustand definieren zu wollen, stehen wir unvorbereitet gegenüber.
Ähnlich entwaffnend wirkt die fast schmerzhafte Schönheit der Werke. Leuchtende Farben, harmonische Formen, und elegante Muster – alles perfekt und sehr geschmackvoll arrangiert, lenken den Fokus im ersten Moment auf den rein ästhetischen Aspekt der Werke. Noch während des Betrachtens aber tritt ein Wandel ein und dem Schauenden eröffnen sich unvermittelt und dadurch mit umso größerer Wucht, die gesamte Komplexität des Produktionsprozesses und die teilweise radikalen Inhalte der Arbeiten.

„Es geht um die Kunst und nicht um den Künstler!“ (AA, 2010). Aus diesem Grund werden Artists Anonymous auch bei dieser Vernissage nicht anwesend sein. Wer sich aber über ihre Kunst informieren möchte, braucht nicht auf ein seltenes Gespräch mit den Artists zu hoffen, sondern kann das zum Beispiel mit Hilfe des brandneuen, im Dumont Verlag erschienenen Katalogs tun: Artists Anonymous, The Apocalyptic Warriors, Dumont Buchverlag, 2010, Etwa 256 Seiten mit ca. 148 farbigen Abbildungen, mit einem Gespräch der Künstler mit Eugen Blume, Direktor des Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin, Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-8321-9222-8








 

 
ARTISTS ANONYMOUS

Beuys reloaded

Zur Ausstellung „Beuys. Die Revolution sind wir“ plant die Künstlergruppe Artists Anonymous die fiktive Sprengung des Hamburger Bahnhofs in Berlin.
 




Das Museum ist immer noch zu eng. Trotz der Kritik an der Institution „Museum“, die das künstlerische Schaffen seit den 1960er Jahren geprägt hat, richtet sich die zeitgenössische Kunstproduktion noch immer gerne nach den Dimensionen und Erfordernissen der musealen Räumlichkeiten. Große Schauen ziehen Massen an, zeigen Kunst, die auf dem „Secondary Market“ gerade Höchstpreise erzielt . Oft werden sie weder dem Besucher noch der Kunst gerecht. Aber gleich mit Sprengung drohen? Trotz aller Kritik erfüllen die Museen die Aufgabe der Archivierung und Konservierung der Kunst(geschichte), leisten Vermittlungsarbeit und bilden einen kulturellen Fundus, aus dem jeder, Museumsgänger oder nicht, schöpft. Wird der Wert des Museums, der Kunst, erst im Angesicht ihres Verlustes deutlich, folgt dem Reflex der Empörung tatsächlich Widerstand? Oder ist das Museum nicht bereits schleichend gesprengt worden? Kann es die hehren Ziele aus seinen Anfangszeiten im 19. Jahrhundert von „Erbauen und Belehren“ heute noch verantwortungsvoll erfüllen, oder wird es zur Kulisse für Ausstellungen mit Eventcharakter? Wird überhaupt noch gute Kunst gezeigt, die Werke der „künstlerischen Elite“, wie Beuys sagte und mit Elite schlicht höchste Qualität meinte?
Nun präsentiert der Hamburger Bahnhof im Rahmen des Ausstellungsfestivals „Der Kult des Künstlers“ eine umfassende Schau über Werk und Wirken des Künstlers Beuys in einem für ein Museum weitestmöglichen Kontext. Objekte aus Stein, Fett und Filz aus der Sammlung Erich Marx, dazu audiovisuelle Medien aus dem Joseph Beuys-Medien-Archiv, ergänzt durch Schriften und Filme. Und dennoch passt nur ein Teil seines Werkes in das Museum, denn nach seiner Forderung sollte Kunst überall geschehen. Im Sinne der Sozialen Plastik trägt jeder Mensch Verantwortung und soll mit seinen individuellen Fähigkeiten zur Gestaltung der Gesellschaft beitragen. Die Künstlergruppe Artists Anonymous übernimmt ihre Verantwortung als Künstler und stellt der Ausstellung ihre Intervention, die „Fiktive Sprengung des Museumsgebäudes“, an die Seite.
Ausgangspunkt ist der Grundriss des ehemaligen Bahnhofes, der seit 1966 als Museum für Gegenwartskunst genutzt wird. Auf einen großen Bildträger aus Holz als Ölgemälde im Negativ übertragen, bildet er Blaupause, Konzept und Ausgangspunkt für das Gedankengebäude der Intervention. Das Gemälde wird in viele kleine, rechteckige Plaketten zerschnitten, von denen einige in jedem Raum unauffällig an der Wand montiert werden. Sie erinnern an Hinweisschilder der Gas- und Wasserversorger, die auf der Straße die Koordinaten des jeweiligen Verteilers angeben. Entgegen der im Text zur Ausstellung vermittelten Information, die Plaketten würden die zur Sprengung des Gebäudes wirksamsten Punkte markieren, gelangt der Besucher, der ihren Hinweisen folgt, immer in die Mitte des Raumes. Er wird in den Mittelpunkt gerückt. Er wird gebraucht. „Die Revolution sind wir.“ Beuys plädierte in den 1970er Jahren für ein „Museum in Motion“, das in Form einer „Permanenten Konferenz“ dazu beitragen sollte, einen Dialog zwischen den Menschen und der Kunst herzustellen und die Erkenntnis der individuellen Verantwortung zu stärken. Daran anschließend schaffen Artists Anonymous in Rahmen ihrer Installation Raum, um auf Gesprächsbedarf unmittelbar nach dem Ausstellungsbesuch eingehen zu können. Langsam wird klar: Niemand hat die Absicht, irgendetwas zu sprengen. Es geht um die Umsetzung des Erweiterten Kunstbegriffes, der Sozialen Plastik, von Beuys formuliert und von Artists Anonymous mit Nachdruck aktualisiert.
So wird das Bekennerschreiben zur Liebeserklärung. An den Betrachter, der nicht belehrt, sondern von der ängstlichen Schilderguckerei befreit wird. Um den es geht und der die Gesellschaft aktiv mitgestalten sollte. An das Museum, das seit Jahrzehnten in der Kritik steht und sich trotzdem immer bemüht, sich zu wandeln. Eine Liebeserklärung auch an die institutionskritischen Künstler, wie Daniel Buren, der 1980 im Stadtbild von Lyon seine typisch gestreiften Markierungen anbrachte und damit politische und soziale Probleme zutage förderte, die im Museum keinen Platz hatten. „Punkte setzen“: gestern draußen, heute drinnen. Es ist ein Bekenntnis zum „Draußen“, dem „Wald aus Zeichen“, der Straße, mit der sich die Kunst ein weiteres Feld erobert hat. Artists Anonymous holen sie durch die Verteilerplaketten ins Museum.
Sogar zur Kunst, die oft hoffnungslos oberflächlich ist und doch manchmal explosive Wirkung haben kann. Und zu Joseph Beuys, der die Zündschnur zur Disposition gestellt hat.
 

Text: Katharina Helwig

 



ARTISTS ANONYMOUS
>   <
Malerei, Fotografie, Installation, Video
 

 
11. Januar bis 24. Februar 2008
Eröffnung am Freitag, 11. Januar 2008, ab 19 Uhr
 
 
Galerie Adler Frankfurt am Main. In traditionellen Präsentationsglaskästen festgepinnte gemalte Nachbildungen von Schmetterlingen, dahinter großformatige „Nachbilder“ dieser Gemälde, invertierte Fotografien der Originale, präsentiert als seien sie aus der Wirklichkeit genommen. Artists Anonymous überlagern verschiedene Abbilder um philosophische Fragen über die Natur der Realität hervorzurufen.

Die Nachbildung ist ein zentraler Aspekt im Gesamtkunstwerk von Artists Anonymous. Indem sie ihre Gemälde fotografieren, bilden AA ein Subjekt ab, das de Facto nicht existiert – wenigstens nicht in der Art, die die Reproduktion unterstellt. Fotografie gilt als das Medium, das die Wirklichkeit am getreuesten wiedergibt („Die Kamera lügt nicht“), doch diese Arbeiten manipulieren das Medium: Ausgedachte Charaktere und unwirkliche Landschaften erscheinen real. Die umgekehrten Farben, die in der fotografischen Reproduktion auftauchen, lassen ein vollkommen neues bild entstehen – eines, das trotz seiner Herkunft vom Original in der objektiven Realität nie greifbar existiert hat. In diesem Sinn produzieren AA Axiome, Objekte oder Szenen, die der Betrachter als wahr oder zumindest möglich annimmt. Sie spielen mit unserer Wahrnehmung von Wahrheit und Einbildung und erinnern daran, dass die Oberfläche aller Dinge eine weite und nicht in Erscheinung tretende alternative Realität verschleiert.

Vorbei an den Schmetterlingen findet sich eine Installation, die mit dem Thema Tod ein weiteres Leitmotiv in den Arbeiten von Artists Anonymous aufgreift. Diese Installation aus einer einfachen Kombination von Alltagsdingen vor einer Schicht in eine Ecke verbannter, sich wiederholender Bilder schält die übereinander liegenden Ebenen von Realitäten und Grundsätzen auseinander.

In den Arbeiten von Artists Anonymous sind komplementäre Gegensätze miteinander verflochten: Das Untersuchen negativer und positiver Farbkompositionen in den Gemälden oder Reproduktionen ist eine Art, widersprüchlichen und doch unzertrennlichen Dualitäten zu begegnen.