Vom 4. September bis zum 23. Oktober zeigt Galerie
Adler ARTISTS ANONYMOUS:
„Everything is possible – everything is done“.
Alles ist möglich – aber in der zeitgenössischen Kunst entsteht
tatsächlich nur selten etwas „Neues,“ etwas, das unsere Wahrnehmung und
unseren Geist wirklich fordert. Werke, bei denen uns während der
Betrachtung ein leichter Schwindel erfasst - ein Zeichen dafür, dass das
Gesehene in keine bekannte Kategorie passen will. Wie bei der 2001 in
Berlin gegründeten Künstlergruppe ARTISTS ANONYMOUS.
Ein
Gedankenexperiment. Einmal angenommen, man könnte alle jemals
geschaffenen Bilder übereinander legen, bis aus dieser Schichtung von
Motiven und Farben Schritt für Schritt ein Einheitsfarbton würde. Das Ende
der Farbigkeit. Vielleicht bliebe nur Schwarz. Everything is done.
Oder wir nehmen an, es gäbe eine Art Resetbutton, um die innere und äußere
Bilderflut zu löschen. Ein Neuanfang. Wahrscheinlich wäre das, was übrig
bliebe, reines Weiß. Die Farbe, die alle anderen enthält, oder gemäß
Malevich, der „monochrome Nullzustand.“ Everything is possible.
Diese beiden Pole thematisieren – in Form je eines weißen und eines
schwarzen quadratischen Gemäldes – den Leitgedanken der Ausstellung bei
Galerie Adler: Das komplexe Beziehungsgefüge zwischen künstlerischem
Medium und den zahlreichen Aspekten des Farbspektrums. Die beiden
Gemälde versinnbildlichen die Grenzpunkte, aus denen sich alles andere
entwickelt. Die perfekte und dadurch quasi neutrale Figur des Quadrats,
einmal in reinem Weiß und einmal in lichtabsorbierendem Schwarz, fungiert
als Hinweis auf die konzeptionelle Herangehensweise der Künstlergruppe, in
diesem Fall die Rückbesinnung auf das Wesentliche: Farbe und Form. Dass es
sich hierbei um gemalte Bilder handelt, ist Teil des gleichen Gedankens,
denn ARTISTS ANONYMOUS beginnen immer mit Malerei, der ursprünglichsten
Form künstlerischen Ausdrucks. Nun wird der Betrachter eingeladen,
alles bisher Gesehene zu vergessen und sich auf eine Reise in unbekannte
Wahrnehmungswelten zu begeben. Farbe ist nicht einfach Farbe – was ist
denn überhaupt dort, wo sie nicht sichtbar ist? Kann man Farbe auch
„installieren“ ? Welche Empfindungen werden heraufbeschworen, wenn nicht
nur Motive, sondern auch Farben „spiegelverkehrt“ erscheinen? ARTISTS
ANONYMOUS kreieren Werke, die wie Fotonegative wirken, erschaffen
großformatige Fotografien von Original-Malereien, lassen Bilder entstehen,
die wie der Nachhall vergangener Bilder erscheinen, oder sie verarbeiten
das Thema „Farblosigkeit“ als Installation.
Wäre das „Neue“ an
ihrer Kunst einfach nur eine besonders provokante Bildsprache oder die
Verwendung außergewöhnlicher Materialien, würde es uns nicht schwer
fallen, dafür eine Kategorie zu finden und in oft geübter Weise zu
reagieren – beispielsweise mit Gleichgültigkeit. Den fremdartigen Reizen
von Positiv-Negativ Bildern jedoch, bei denen nicht mehr klar ist, was
Original und was Abbild ist, deren „umgekehrte“ Farbigkeit uns dazu
bringt, unermüdlich einen Ursprungszustand definieren zu wollen, stehen
wir unvorbereitet gegenüber. Ähnlich entwaffnend wirkt die fast
schmerzhafte Schönheit der Werke. Leuchtende Farben, harmonische Formen,
und elegante Muster – alles perfekt und sehr geschmackvoll arrangiert,
lenken den Fokus im ersten Moment auf den rein ästhetischen Aspekt der
Werke. Noch während des Betrachtens aber tritt ein Wandel ein und dem
Schauenden eröffnen sich unvermittelt und dadurch mit umso größerer Wucht,
die gesamte Komplexität des Produktionsprozesses und die teilweise
radikalen Inhalte der Arbeiten.
„Es geht um die Kunst und nicht um
den Künstler!“ (AA, 2010). Aus diesem Grund werden Artists Anonymous auch
bei dieser Vernissage nicht anwesend sein. Wer sich aber über ihre Kunst
informieren möchte, braucht nicht auf ein seltenes Gespräch mit den
Artists zu hoffen, sondern kann das zum Beispiel mit Hilfe des brandneuen,
im Dumont Verlag erschienenen Katalogs tun: Artists Anonymous, The
Apocalyptic Warriors, Dumont Buchverlag, 2010, Etwa 256 Seiten
mit ca. 148 farbigen Abbildungen, mit einem Gespräch der Künstler mit
Eugen Blume, Direktor des Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart,
Berlin, Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-8321-9222-8

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Das Museum ist immer noch zu eng. Trotz der Kritik an der Institution
„Museum“, die das künstlerische Schaffen seit den 1960er Jahren geprägt
hat, richtet sich die zeitgenössische Kunstproduktion noch immer gerne
nach den Dimensionen und Erfordernissen der musealen Räumlichkeiten.
Große Schauen ziehen Massen an, zeigen Kunst, die auf dem „Secondary
Market“ gerade Höchstpreise erzielt . Oft werden sie weder dem Besucher
noch der Kunst gerecht. Aber gleich mit Sprengung drohen? Trotz aller
Kritik erfüllen die Museen die Aufgabe der Archivierung und
Konservierung der Kunst(geschichte), leisten Vermittlungsarbeit und
bilden einen kulturellen Fundus, aus dem jeder, Museumsgänger oder
nicht, schöpft. Wird der Wert des Museums, der Kunst, erst im Angesicht
ihres Verlustes deutlich, folgt dem Reflex der Empörung tatsächlich
Widerstand? Oder ist das Museum nicht bereits schleichend gesprengt
worden? Kann es die hehren Ziele aus seinen Anfangszeiten im 19.
Jahrhundert von „Erbauen und Belehren“ heute noch verantwortungsvoll
erfüllen, oder wird es zur Kulisse für Ausstellungen mit Eventcharakter?
Wird überhaupt noch gute Kunst gezeigt, die Werke der „künstlerischen
Elite“, wie Beuys sagte und mit Elite schlicht höchste Qualität meinte?
Nun präsentiert der Hamburger Bahnhof im Rahmen des
Ausstellungsfestivals „Der Kult des Künstlers“ eine umfassende Schau
über Werk und Wirken des Künstlers Beuys in einem für ein Museum
weitestmöglichen Kontext. Objekte aus Stein, Fett und Filz aus der
Sammlung Erich Marx, dazu audiovisuelle Medien aus dem Joseph
Beuys-Medien-Archiv, ergänzt durch Schriften und Filme. Und dennoch
passt nur ein Teil seines Werkes in das Museum, denn nach seiner
Forderung sollte Kunst überall geschehen. Im Sinne der Sozialen Plastik
trägt jeder Mensch Verantwortung und soll mit seinen individuellen
Fähigkeiten zur Gestaltung der Gesellschaft beitragen. Die
Künstlergruppe Artists Anonymous übernimmt ihre Verantwortung als
Künstler und stellt der Ausstellung ihre Intervention, die „Fiktive
Sprengung des Museumsgebäudes“, an die Seite.
Ausgangspunkt ist der Grundriss des ehemaligen Bahnhofes, der seit 1966
als Museum für Gegenwartskunst genutzt wird. Auf einen großen Bildträger
aus Holz als Ölgemälde im Negativ übertragen, bildet er Blaupause,
Konzept und Ausgangspunkt für das Gedankengebäude der Intervention. Das
Gemälde wird in viele kleine, rechteckige Plaketten zerschnitten, von
denen einige in jedem Raum unauffällig an der Wand montiert werden. Sie
erinnern an Hinweisschilder der Gas- und Wasserversorger, die auf der
Straße die Koordinaten des jeweiligen Verteilers angeben. Entgegen der
im Text zur Ausstellung vermittelten Information, die Plaketten würden
die zur Sprengung des Gebäudes wirksamsten Punkte markieren, gelangt der
Besucher, der ihren Hinweisen folgt, immer in die Mitte des Raumes. Er
wird in den Mittelpunkt gerückt. Er wird gebraucht. „Die Revolution sind
wir.“ Beuys plädierte in den 1970er Jahren für ein „Museum in Motion“,
das in Form einer „Permanenten Konferenz“ dazu beitragen sollte, einen
Dialog zwischen den Menschen und der Kunst herzustellen und die
Erkenntnis der individuellen Verantwortung zu stärken. Daran
anschließend schaffen Artists Anonymous in Rahmen ihrer Installation
Raum, um auf Gesprächsbedarf unmittelbar nach dem Ausstellungsbesuch
eingehen zu können. Langsam wird klar: Niemand hat die Absicht,
irgendetwas zu sprengen. Es geht um die Umsetzung des Erweiterten
Kunstbegriffes, der Sozialen Plastik, von Beuys formuliert und von
Artists Anonymous mit Nachdruck aktualisiert.
So wird das Bekennerschreiben zur Liebeserklärung. An den Betrachter,
der nicht belehrt, sondern von der ängstlichen Schilderguckerei befreit
wird. Um den es geht und der die Gesellschaft aktiv mitgestalten sollte.
An das Museum, das seit Jahrzehnten in der Kritik steht und sich
trotzdem immer bemüht, sich zu wandeln. Eine Liebeserklärung auch an die
institutionskritischen Künstler, wie Daniel Buren, der 1980 im Stadtbild
von Lyon seine typisch gestreiften Markierungen anbrachte und damit
politische und soziale Probleme zutage förderte, die im Museum keinen
Platz hatten. „Punkte setzen“: gestern draußen, heute drinnen. Es ist
ein Bekenntnis zum „Draußen“, dem „Wald aus Zeichen“, der Straße, mit
der sich die Kunst ein weiteres Feld erobert hat. Artists Anonymous
holen sie durch die Verteilerplaketten ins Museum.
Sogar zur Kunst, die oft hoffnungslos oberflächlich ist und doch
manchmal explosive Wirkung haben kann. Und zu Joseph Beuys, der die
Zündschnur zur Disposition gestellt hat.
Text: Katharina Helwig
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Galerie Adler Frankfurt am Main. In traditionellen
Präsentationsglaskästen festgepinnte gemalte Nachbildungen von
Schmetterlingen, dahinter großformatige „Nachbilder“ dieser Gemälde,
invertierte Fotografien der Originale, präsentiert als seien sie aus der
Wirklichkeit genommen. Artists Anonymous überlagern verschiedene
Abbilder um philosophische Fragen über die Natur der Realität
hervorzurufen.
Die Nachbildung ist ein zentraler Aspekt im Gesamtkunstwerk von Artists
Anonymous. Indem sie ihre Gemälde fotografieren, bilden AA ein Subjekt
ab, das de Facto nicht existiert – wenigstens nicht in der Art, die die
Reproduktion unterstellt. Fotografie gilt als das Medium, das die
Wirklichkeit am getreuesten wiedergibt („Die Kamera lügt nicht“), doch
diese Arbeiten manipulieren das Medium: Ausgedachte Charaktere und
unwirkliche Landschaften erscheinen real. Die umgekehrten Farben, die in
der fotografischen Reproduktion auftauchen, lassen ein vollkommen neues
bild entstehen – eines, das trotz seiner Herkunft vom Original in der
objektiven Realität nie greifbar existiert hat. In diesem Sinn
produzieren AA Axiome, Objekte oder Szenen, die der Betrachter als wahr
oder zumindest möglich annimmt. Sie spielen mit unserer Wahrnehmung von
Wahrheit und Einbildung und erinnern daran, dass die Oberfläche aller
Dinge eine weite und nicht in Erscheinung tretende alternative Realität
verschleiert.
Vorbei an den Schmetterlingen findet sich eine Installation, die mit dem
Thema Tod ein weiteres Leitmotiv in den Arbeiten von Artists Anonymous
aufgreift. Diese Installation aus einer einfachen Kombination von
Alltagsdingen vor einer Schicht in eine Ecke verbannter, sich
wiederholender Bilder schält die übereinander liegenden Ebenen von
Realitäten und Grundsätzen auseinander.
In den Arbeiten von Artists Anonymous sind komplementäre Gegensätze
miteinander verflochten: Das Untersuchen negativer und positiver
Farbkompositionen in den Gemälden oder Reproduktionen ist eine Art,
widersprüchlichen und doch unzertrennlichen Dualitäten zu begegnen. |