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Drei dialektische
Umkehrungen: Bilder und Nachbilder von Artists Anonymous
SCHOCK-TOLERANZ. Die zeitgenössische Kunst ist nichts ohne ihre
‘Kunst-Welt’, diesem
Komplex und dieser mobilen Interaktion von Teilnehmern, Machern,
Publikum, Institutionen,
Medien, Kuratoren, Sammlern, Galerien, Museen, ‘alternativen’
Ausstellungsräumen, Kritikern,
Theoretikern, Akademien und Diskursen, die dem Kunstwerk Sichtbarkeit
verschaffen, das
mitten darin seine Wirkung entfaltet. Und einer der lebendigsten Aspekte
der heutigen
Kunstwelt besteht in der Vielfalt der Praktiken, die jetzt innerhalb
ihrer Kreisläufe von
Verbreitung und Austausch toleriert werden – sie werden von einem
kulturellen System toleriert
und ermutigt, das inzwischen für alles offen ist, was von jedem
Beliebigen und von überallher
geliefert wird. Es ist dies nicht das Zeitalter der modernistischen
Avantgarden, es ist nicht mehr
die Epoche der konservativen Ordnung der Kunst, zu der und gegen die
jene Avantgarden ihre
Fragen und ihre Einwendungen vorgebracht hatten. Fragen wie etwa:
Weshalb Malerei?
Weshalb nicht Fotografie? Weshalb Realismus? Weshalb nicht Abstraktion?
Weshalb der
Künstler als Individuum? Weshalb nicht Kunst als kollektive Praxis?
Weshalb Können und
Kunstfertigkeit? Weshalb nicht Technologie? Weshalb Raffinesse? Weshalb
nicht
Massenkultur? Weshalb das materielle Objekt? Weshalb nicht Kunst als
Idee? Zu ihrer Zeit
waren alle diese Fragen direkte Herausforderungen für die
unerschütterlichen Definitionen, die
die Kunst für sich selbst aufgestellt hatte. Und obwohl die Empörung,
die von diesen Fragen
ausgelöst wurde, uns heute, wenn wir zurückblicken, seltsam erscheint,
so ist es doch wichtig
festzuhalten, dass es sich bei diesen zunächst um schockierende
Ereignisse handelte, welche
die Ästhetik, die kulturelle und soziale Legitimität der Kunst
herausgefordert hatten. Heute wird
die Idee, dass die Kunst starke Reaktionen hervorrufen kann und soll,
dass sie die
Begrenzungen der normativen Kultur überschreiten sollte, mit Vorsicht
und ohne klare Position
behandelt. Es ist leicht zu wissen, wie man schockiert und wen man
schockiert. Es ist aber
schon schwieriger zu wissen, weshalb man schockiert…
Lesen Sie die ausführliche Version
J. J. Charlesworth © 2008 |
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Andere Augen
Wer sich mit dem Werk der Artists Anonymous befaßt, muss sich davor
hüten, sich von der Frage nach der Autorschaft verwirren zu lassen.
Naturgemäß lässt sich diese Frage nicht vermeiden, denn bei Kunstwerken
wird uns für gewöhnlich gleich als erstes gesagt, von wem sie stammen.
Wo uns diese Auskunft, wie hier, vorenthalten wird, werden wir erst
recht neugierig. Warum bekennt sich bei diesen Arbeiten niemand zur
Urheberschaft? Und soll man, um das zu erklären, wieder einmal die
hinlänglich bekannten Geschichten vom Tod des Autors erzählen? Das wäre,
wie sich zeigen wird, gar zu simpel. Gar zu simpel wäre es andererseits
aber auch, die Anonymität einfach aufzuheben. Zwar wäre es ein Leichtes,
Namen von real existierenden Personen zu nennen und biographische
Anekdoten zu kolportieren. Doch das führt nicht weiter. Was weiß man
denn schon, wenn man weiß, dass ein Gemälde von Glenn Brown stammt, von
Georg Baselitz oder Paula Modersohn-Becker? Gehen wir also von „B“
wieder zurück zu „A“ – genauer gesagt zu „AA“.
Wir haben damit zwei Buchstaben vor uns, doch dürfen wir nicht
übersehen, dass diese Buchstaben nicht nur eine semantische Funktion
haben (die einer Abkürzung), sondern zudem auch eine bestimmte
graphische Gestalt. Anders als beim Emblem der traditionsreichen
Vereinigung namenloser Trunksüchtiger sehen wir hier zunächst ein großes
weißes „A“, das innerhalb eines schwarzen Rechtecks platziert ist, und
dann, rechts daneben, ein ebensolches, aber schwarzes und auf dem Kopf
stehendes „A“ in einem weißen Rechteck. Auf diese Weise werden wir
bereits durch das Signet auf ein zentrales Prinzip der Arbeit der
Artists Anonymous hingewiesen. Es ist das Prinzip der Umkehrung.
Der eine Aspekt dieser Umkehrung betrifft die Form, der andere die
Farbe. Ein „A“, das um 180 Grad gedreht wird, sieht anders aus als
zuvor. (Vielleicht erkennen wir jetzt nicht mehr nur den Buchstaben,
sondern auch den Kopf des geopferten Stieres.) Nun ist es in der Kunst
der Moderne, und besonders auch in der Kunst der Gegenwart, durchaus
nicht ungewöhnlich, dass eine Form auf den Kopf gestellt wird. Georg
Baselitz hat diese Geste bekanntlich jahrzehntelang kultiviert. Weitaus
ungewöhnlicher und auch komplizierter ist dagegen die Umkehrung der
Farbe. Doch genau diese Umkehrung, die Umkehrung der Farbe, bildet die
wesentliche Energiequelle des Werkes von Artists Anonymous. Wie ist das
zu verstehen?
Zunächst einmal muss nachdrücklich hervorgehoben werden, dass man es
hier nicht einfach nur mit einer beliebigen Veränderung von Farben zu
tun hat. Es geht nicht darum, sich die Freiheit herauszunehmen, zum
Beispiel Pferde, die in der realen Welt niemals blau sind, auf einem
Gemälde blau zu malen. Die Abweichung vom Gewohnten verdankt sich keiner
Willkür und darf daher auch nicht als Ausdruck künstlerischer
Subjektivität gedeutet werden. Sie untersteht strengen
Gesetzmäßigkeiten.
Diese gründen zunächst einmal in der Funktionsweise unseres
Wahrnehmungsapparates. Jeder hat schon einmal die Erfahrung gemacht,
dass unsere Augen, nachdem sie längere Zeit auf etwas Blaues gestarrt
haben, von sich aus ein eigenes gelbes Nachbild erschaffen. Jede Farbe
ruft dabei ihre Komplementärfarbe hervor. Das hat man in der Malerei mit
mehr oder weniger klarem Bewusstsein schon lange beachtet, obgleich es
systematisch erst im neunzehnten Jahrhundert von Michel Eugène Chevreul
erforscht wurde. Da der genannte Effekt aber niemals lange anhält und
sich bei jeder neuen Fokussierung des Auges erneut einstellen muss, gab
es bislang kaum Versuche, das Phänomen der Umkehrung farbiger Muster in
ihr Gegenteil zu einem eigenen Thema der Kunst zu machen. Die
berühmteste Ausnahme von der Regel ist die farbliche Inversion einer der
Flaggen von Jasper Johns aus dem Jahr 1965. Bei diesem hochformatigen
Gemälde sieht man in der oberen Hälfte ein nordamerikanisches
Sternenbanner mit schwarz-grünen Streifen und schwarzen Sternen auf
gelbem Grund sowie, weiter unten, eine farblose graue Flagge von
gleicher Größe, auf der für einen kurzen Moment die richtigen Farben
erscheinen, sofern man den Blick erst dann auf sie richtet, nachdem man
die obere lange genug fixiert hatte.
Festhalten lässt sich die Erscheinung eines komplementären Farbmusters
aber erst seit der Erfindung des Umkehrverfahrens in der Farbfotografie,
wie es nach dem zweiten Weltkrieg zum allgemein verbreiteten Standard
wurde. Seither kann jeder auf dem Zelluloidstreifen mit den
Farbnegativen, den man nach der Entwicklung des Films erhält, Bilder der
Welt in systematisch verkehrten Farben betrachten. Erstaunlicherweise
wurde auch dieses Phänomen in der bildenden Kunst bisher kaum zum Thema
gemacht. Die berühmteste Ausnahme von der Regel ist in diesem Fall die
kleine Werkgruppe I’m dreaming of a white christmas von Richard Hamilton
aus den Jahren 1967-68, in der er das Negativ eines Standbildes aus
einem Film mit Bing Crosby abmalte und davon auch verschiedene (unter
anderem positive) Drucke herstellte. Auch hier ergibt sich die
befremdliche Farbigkeit nicht aus der schöpferischen Souveränität des
Künstlersubjekts, sondern aus der unausweichlichen Logik technischer
Prozesse und aus der Tyrannei der Chemikalien.
Die auffällige Zaghaftigkeit, womöglich sogar Furchtsamkeit der Kunst
gegenüber einer systematischen Verkehrung der Farben steht nun
allerdings in einem bemerkenswerten Kontrast zu der Begeisterung, welche
die Philosophie für dieses Phänomen entwickeln konnte. Spätestens seit
John Locke in seinem 1689 erschienenen Essay Concerning Human
Understanding beiläufig bemerkte, man könne niemals wissen, ob ein
Anderer am Veilchen nicht – wie man selbst – die blaue Farbe wahrnimmt,
sondern im Gegenteil die gelbe, und ob er – umgekehrt – etwa eine
Butterblume nicht als etwas Gelbes, sondern als etwas Blaues sieht,
haben Gedankenexperimente zum Problem des verkehrten Spektrums in der
Theorie des Bewusstseins eine große Rolle gespielt. Noch heute werden
beharrlich immer neue Varianten diskutiert. Dabei ist unter anderem
fraglich, was sich aus einer Verkehrung der Farben sonst noch alles
ergibt: ändert sich nur der Farbton oder auch die Helligkeit und die
Sättigung, wird Warm zu Kalt und Nah zu Fern? Ändern sich mit der Farbe
auch unser Verhältnis und unser Verhalten zu ihr?
Offenkundig kann an dieser Stelle nicht versucht werden, solche Probleme
in allen ihren subtilen Details zu erörtern. Es muss ausreichen, sich
klarzumachen, worum es grundsätzlich geht. Die Unterstellung, ein
anderer Mensch sähe alle Dinge, die ich sehe, womöglich stets in ihren
Komplementärfarben, wird philosophisch vor allem dann interessant, wenn
es prinzipiell keine Möglichkeit gibt, sie zu beweisen oder zu
widerlegen. Der Andere bezeichnet die Farbe des Veilchens, das er als
eine gelbe Blüte wahrnimmt, mit genau demselben Wort, das auch ich
verwende, nämlich „blau“. Er stimmt sowohl im Sprechen als auch im
Handeln völlig mit mir überein. Dennoch geschieht in seinem Kopf etwas
vollkommen anderes als bei mir.
Was diese bizarre Vorstellung im Rahmen einer Philosophie des
Bewusstseins beweisen soll oder kann, steht hier nicht zur Debatte. Zu
fragen ist vielmehr, ob sich daraus auch etwas für das Verständnis der
Werke der Artists Anonymous ergibt. Dabei ist zunächst zu betonen, dass
wir es hier nicht mit mentalen Bildern zu tun haben, die schon per
definitionem privat und deshalb für andere prinzipiell unzugänglich
sind. Wir haben es vielmehr mit materiellen Bildern zu tun, die von
vielen betrachtet und beurteilt werden. Gerade deshalb erscheinen sie
aber wie Dokumente eines anderen Sehens, eines Sehens, das nicht
funktioniert, wie wir es gewohnt sind, eines Sehens mit anderen Augen.
Dass die Kunst es uns ermöglicht, die Welt „mit anderen Augen“ zu sehen,
ist natürlich eine Floskel, die eine gewisse Peinlichkeit mit sich
führt, weil sie durch all zu häufige Verwendung mittlerweile nahezu
jeden Sinn eingebüßt hat. Gemeint ist damit zumeist, dass ein Kunstwerk
eine neue Sichtweise der Welt zum Ausdruck bringt, eine neue
Interpretation, eine neue Weise, die Realität durch eine eigene
Stellungnahme in einem bestimmten Licht erscheinen zu lassen. Hier ist,
im Gegensatz dazu, jedoch von etwas Radikalerem die Rede.
„Andere Augen“ – das ist nicht länger bloß metaphorisch zu verstehen.
Ganz buchstäblich zielen diese zwei Worte auf einen Austausch der realen
Armaturen und der faktisch wirksamen Programme zur Verarbeitung
visueller Daten. Hier geht es darum, sich einer neuen Programmierung zu
unterstellen, die das Gesehene anders prozessiert als zuvor – so als
modifiziere man bestimmte Abläufe im Hirn durch eine Droge. Dabei
entstehen Bilder der Welt, deren Farbverteilung immer wieder durch
technische Verfahren in ihr Gegenteil umgewandelt werden. Die Menge der
Informationen ändert sich dabei nicht. Sie wird nur umkodiert. Aus jedem
Punkt eines Negativs wird durch einen eindeutig geregelten Prozess der
entsprechende Punkt seines positiven Pendants und umgekehrt. Aus diesem
Verfahren erklärt sich natürlich nicht jeder einzelne Aspekt der dabei
entstehenden Bilder, doch bildet es in jedem Fall das grundlegende
Produktionsprinzip.
Autorschaft beruht dementsprechend darauf, in sich selbst einen
Algorithmus zu installieren, der mit der Unerbittlichkeit von optischen,
chemischen und neuronalen Prozessen zu bestimmten Ergebnissen führt. Und
da sich diese Ergebnisse darbieten als seien sie das Resultat einer
Verarbeitung des Sichtbaren, die völlig anders strukturiert ist als
unsere eigene und gewohnte, zwingen sie uns zu der Frage, wie wir
überhaupt wissen, was andere sehen, und damit letztlich auch zu der
Frage, wie wir überhaupt wissen, was wir selbst sehen. Es geht also
nicht so sehr darum, eine eigene Sicht der Dinge zu behaupten. Es geht
vielmehr um das künstlerisch weitaus tiefsinnigere Vorhaben zu erkunden,
wie sich eine bestimmte Sicht der Dinge überhaupt bildet und worin sie
besteht. Wenn diejenigen, die sich der Erforschung dieses Problems mit
Hilfe ihrer ingeniösen Umkehrverfahren gewidmet haben, uns nun ihre
verblüffenden und faszinierenden Ergebnisse präsentieren, dann ist es im
Grunde auch nur konsequent, wenn sie – anders als der Verfasser dieses
kurzen Textes – sich nicht selbst beim Namen zu nennen. Stattdessen
bleiben sie, zumindest fürs erste, lieber Artists Anonymous.
Karlheinz Lüdeking © 2007
Image/Afterimage
Nietzsche’s theory of binary opposition, first argued in The Birth of
Tragedy, contended that human nature represents the unification of polar
opposites, as personified by the Greek gods Apollo and Dionysus, widely
accepted codes for reason and its antithesis. This notion of binary
opposition also encompasses additional pairings, ever-present in the
prevailing human and social condition, such as order/chaos, culture/nature,
male/female, and, of course, light/dark.
This final duality of light/dark serves as the abstract term for its
more specific permutations and, for the purpose of this essay, will be
visually expressed as positive/negative. As the aesthetic translation of
Nietzsche’s binary thesis, it is precisely this relationship between the
positive and its negative counterpart that forms the basis for Artists
Anonymous’ core artistic practice, exemplified through their ongoing
series of images and subsequent “afterimages”.
Technically, Artists Anonymous achieve this unification of the
positive/negative binary by beginning with a painting rendered in a
negative palette. The painting is then photographed and its negative
image transferred to a positive slide, which is then printed on negative
photographic paper, inverting both the colors and the composition to
their positive conclusion. When positioned next to each other, the
resulting works are tangible proof of this philosophy’s foremost
argument, that all things embody their absolute “other.” In this case,
the positive subject, a “negative” painting, reveals its opposite when
exposed by analog photography, resulting in the inverted, hence
“positive,” photograph.
By exposing the positive inverse of their negative paintings, Artists
Anonymous also substantiate elements of the original work that may have
eluded the viewer’s initial reading. Positive forms, which appeared
abstract in the negative composition, become recognizable in the
photograph, giving meaning to otherwise ambiguous shapes. Through this
process, Artists Anonymous are also asserting the impossibility of
objective perception, in that the afterimage unveils figurative or
representational forms latent in the original canvas that may have
escaped the viewer’s immediate comprehension.
This process of creating afterimages also asserts the profound effect of
light on sensory empiricism in general. Every painting posses an
infinite number of photographic reproductions, based on the varied
degree of light exposure. Furthermore, the original work’s appearance is
contingent on the light under which it is presented—simply stated, light
affects and informs our perception—manipulate the light and both the
work and the viewer’s perception thereof will be inherently altered as
well.
Artists Anonymous work in multi-media—painting, photography, performance,
video, sculpture and installation—to arrive at what philosophers Claude
Lévi-Strauss and Jacques Derrida termed “bricolage.” Bricolage is a form
of deconstruction, and thus a fundamentally postmodern practice, in
which elements of a system deemed illusionary or flawed are nonetheless
employed to criticize the very system they represent. Derrida argued
that language itself a flawed structure, insofar as it misrepresents the
concepts to which it is attributed. Here, Artists Anonymous employ
visual language to deconstruct the supposed authority of perception, and
allow the image and its afterimage to behave as evidence of the
existence of unified binaries in our material world, as well as the
larger, metaphysical universe.
Emilie Trice
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