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Drei dialektische
Umkehrungen: Bilder und Nachbilder von Artists Anonymous
SCHOCK-TOLERANZ. Die zeitgenössische Kunst ist nichts ohne ihre
‘Kunst-Welt’, diesem
Komplex und dieser mobilen Interaktion von Teilnehmern, Machern, Publikum,
Institutionen, Medien, Kuratoren, Sammlern, Galerien, Museen, ‘alternativen’
Ausstellungsräumen, Kritikern,
Theoretikern, Akademien und Diskursen, die dem Kunstwerk Sichtbarkeit
verschaffen, das
mitten darin seine Wirkung entfaltet. Und einer der lebendigsten Aspekte der
heutigen
Kunstwelt besteht in der Vielfalt der Praktiken, die jetzt innerhalb ihrer
Kreisläufe von
Verbreitung und Austausch toleriert werden – sie werden von einem
kulturellen System toleriert
und ermutigt, das inzwischen für alles offen ist, was von jedem Beliebigen
und von überallher
geliefert wird. Es ist dies nicht das Zeitalter der modernistischen
Avantgarden, es ist nicht mehr
die Epoche der konservativen Ordnung der Kunst, zu der und gegen die jene
Avantgarden ihre
Fragen und ihre Einwendungen vorgebracht hatten. Fragen wie etwa: Weshalb
Malerei?
Weshalb nicht Fotografie? Weshalb Realismus? Weshalb nicht Abstraktion?
Weshalb der
Künstler als Individuum? Weshalb nicht Kunst als kollektive Praxis? Weshalb
Können und
Kunstfertigkeit? Weshalb nicht Technologie? Weshalb Raffinesse? Weshalb
nicht
Massenkultur? Weshalb das materielle Objekt? Weshalb nicht Kunst als Idee?
Zu ihrer Zeit
waren alle diese Fragen direkte Herausforderungen für die unerschütterlichen
Definitionen, die
die Kunst für sich selbst aufgestellt hatte. Und obwohl die Empörung, die
von diesen Fragen
ausgelöst wurde, uns heute, wenn wir zurückblicken, seltsam erscheint, so
ist es doch wichtig
festzuhalten, dass es sich bei diesen zunächst um schockierende Ereignisse
handelte, welche
die Ästhetik, die kulturelle und soziale Legitimität der Kunst
herausgefordert hatten. Heute wird
die Idee, dass die Kunst starke Reaktionen hervorrufen kann und soll, dass
sie die
Begrenzungen der normativen Kultur überschreiten sollte, mit Vorsicht und
ohne klare Position
behandelt. Es ist leicht zu wissen, wie man schockiert und wen man
schockiert. Es ist aber
schon schwieriger zu wissen, weshalb man schockiert…
In welchem Zusammenhang steht die Frage des Schocks mit dem Werk der Gruppe
Artists
Anonymous? Vielleicht geht es dabei um die Tatsache, dass unter den
zeitgenössischen
Künstlern, die heute tätig sind, Artists Anonymous sich durch die Art
abheben, wie ihr Werk eine
neuartige und grundlegende Betrachtung über die Natur der
Grenzüberschreitung in der
heutigen Kunst provoziert, ohne dabei aber auf Klischees oder erkennbare
Schemata
zurückzugreifen, was aus ihnen einfach nur eine weitere Gang von enfants
terribles machen
würde, die für die Unterhaltung und den Konsum eines Massenpublikums
geeignet sind. Aber
gleichzeitig kommen Artists Anonymous dieser neuen Mode der Toleranz nicht
entgegen, die
innerhalb der Kunstwelt existiert, welche ihrerseits einen riesigen Bereich
von anscheinend
anspruchsvollen, oft hochgradig spezialisierten Kunstpraktiken unterstützt.
Artists Anonymous
geben sich nicht damit zufrieden, eine Kunst zu machen, die für das
Spezialistenpublikum der
Kunstwelt zu einem Objekt der Zustimmung und Übereinstimmung wird (Kunst als
eine Form
von intellektueller Minderheitenkultur). Sie wollen aber auch kein Werk
hervorbringen, welches
das Schauspiel des Flirts der Kunst mit dem Mainstream, mit der Massenkultur
oder populären
Kultur verwendet. Ganz im Gegenteil: Ihr Werk will die Bedingungen jener
Trennung zu
artikulieren, die zwischen der Kultur der zeitgenössischen Kunst und der
breiteren Kultur
besteht, und es will aufzeigen, wie die Kunst gegenwärtig versucht, mit den
Spannungen
umzugehen, die von diesem Zustand der Unterscheidung und Trennung
hervorgerufen werden.
Was bei kritischer Betrachtung im Werk von Artists Anonymous von Interesse
ist, besteht darin,
wie sich ihre anscheinend ästhetischen Strategien tatsächlich an
institutionelle Bedingungen der
Unterscheidung der Kunst von der Mainstreamkultur richten. Artists Anonymous
experimentieren mit den aktuellen, gegenwärtigen Bedingungen für die Grenze
zwischen der
Kunstwelt und der Mainstreamkultur, und zwar auf eine Weise, welche Effekte
des Schocks
hervorbringt, die nicht unbegründet sind, sondern vielmehr aus dem Aufdecken
der Grenzen
jener Erwartungen und Voraussetzungen resultieren, an welchen die
gegenwärtige Kunstwelt
sogar dann festhält, wenn sie glaubt, tolerant zu sein. Die Art und Weise,
wie sie diese Wirkung
erreichen – dieser Eindruck des Problematischen und des Zusammenstoßes mit
der ‘Norm’ –
erfolgt durch die Kombination von Techniken und Vorgehensweisen, die als
dialektische
Oppositionen wirken; diese finden, während sie von einander unterscheidbar
bleiben, in einer
deutlichen und übersteigerten Anerkennung der Trennung der gegenwärtigen
Kunst von der
breiteren Kultur zueinander, an die sie sich ja trotz allem wendet.
Wenn die Welt der zeitgenössischen Kunst toleranter geworden ist, was ja der
Fall ist, dann hat
sich somit die Erfahrung des Schocks abgeschwächt.
Sie hat an Bedeutung
verloren und wird
zunehmend als eine zynische Taktik angesehen, die die Künstler anwenden, und
nicht so sehr
als das Ergebnis einer Begegnung zwischen dem Werk der Künstler und den
Vorurteilen der
anderen. In Großbritannien ist zum Beispiel, seit die allgemein als ‘young
British artists’
bekannte Generation zu Ruhm gekommen ist, die Vorstellung, dass die
zeitgenössischen
Künstler Beleidigung oder Schock einsetzen, um (traurige) Berühmtheit und
Sichtbarkeit
einzufordern, zu einer verbreiteten Klage geworden. Mainstream-Kommentatoren
versäumen
dabei aber oft zu berücksichtigen, dass diese Taktiken der Beleidigung und
des Schocks auf
den Kreisläufen der Medienverbreitung, die sie für sich selbst
bereitstellen, in hohem Maße
parasitär sind. Und wenn solche Kunst die Normen des Anstandes, der
öffentlichen Moral oder
der Vorstellungen des gesunden Menschenverstandes davon, wie Kunst aussehen
sollte, zu
überschreiten scheint, legt sie in Wirklichkeit die Tatsache offen, dass
eben diese Grenzen des
guten Geschmacks und der Schicklichkeit seitens der Mehrheitskultur nicht
mehr vehement
verteidigt werden. Der Mainstream erscheint jetzt gegenüber den
offensichtlichen
Grenzüberschreitungen der Künstler viel toleranter als jemals zuvor, während
gleichzeitig
innerhalb der Kunstwelt die herrschende Ordnung selbst von Pluralismus,
Vielfalt und Toleranz
bestimmt wird. Alles wird toleriert, nichts kann mehr schockieren.
Die Erfahrung des Schocks ist inzwischen derart sinnentleert, dass der
Schock heute als eine
zynische Provokation angesehen wird, auf die zu reagieren ‘wir’ – das
Publikum – uns bewusst
weigern. Dass es einfach ist, auf solche Provokationen nicht zu reagieren,
hängt damit
zusammen, dass solche Provokationen in hohem Maße zu Routine und Schema
erstarrt sind –
Sex, Tod, Gewalt, Obszönität und Trivialität sind alle erkennbare Tropen,
die, historisch
betrachtet, Zensur und Ausschluss von der öffentlichen Kultur hervorgerufen
hatten, die jedoch
inzwischen keine größeren Feindseligkeiten mehr zur Folge haben, weil die
Einstellungen
gegenüber dem, was in der Öffentlichkeit dargestellt werden kann, sich im
Lauf der letzten paar
Jahrzehnte grundlegend verändert haben. Gleichzeitig mutet es ebenfalls wie
eine Ironie an,
dass solche Formen der Grenzüberschreitung inzwischen eine kulturelle Lizenz
erhalten haben,
eben aufgrund einer veränderten Einstellung zum Status der Kunst als Teil
der
zeitgenössischen Kultur. Es wird jetzt allgemein davon ausgegangen, dass die
zeitgenössische
künstlerische Praxis stets die Grenzüberschreitung erforscht, dass dies aber
akzeptabel ist,
solange es sich innerhalb der institutionellen Grenzen der ‘Kunstwelt’
vollzieht – die Künstler
werden dann nicht länger als gefährliche Revolutionäre oder moralische
Dilettanten, sondern
vielmehr als gesunde Exzentriker betrachtet, deren Aktivitäten, obwohl sie
dem Mainstream-
Publikum für gewöhnlich unverständlich bleiben, harmlos sind, eben aufgrund
ihrer relativen
Abgeschlossenheit gegenüber diesem. Gleichzeitig ist die ‘Kunstwelt’ selbst
in vieler Hinsicht
vom Schock gelangweilt: wenn man Galerie-Ausstellungen betrachtet oder an
den Ständen der
letzten internationalen Kunstmesse entlangschlendert, ist es interessant
festzustellen, wie
wenig die zeitgenössische künstlerische Produktion den Wunsch zu haben
scheint, dem
vorherrschenden Konsens unter den Sammlern, Kuratoren, Kritikern und den
anderen
Spezialisten in Form von Konfrontation, Kampf oder Umsturz
gegenüberzutreten.
Um die enscheidende Natur der Grenzüberschreitung, wie sie sich im Werk von
Artists
Anonymous vollzieht, aufzudecken, lohnt es sich also, eine Theorie des
Schocks zu umreißen,
die den Beziehungen innerhalb der Kultur in jenen Augenblicken
Aufmerksamkeit widmet, in
denen der Schock auftritt, anstatt zwangsläufig den Inhalt dessen zu
untersuchen, von dem
man annimmt, dass er schockiert. Wie schon früher angedeutet wurde, liegt
der Grund dafür,
dass grenzüberschreitende Kunst heute oberflächlich, nicht mehr überzeugend
und
routinemäßig-schematisch geworden ist, darin, dass sich die Natur der
öffentlichen
Erwartungen an die Kunst verändert hat. Das hat viel damit zu tun, wie die
Gesellschaft jetzt
dem Bedeutung beilegt, was öffentlich ausgedrückt wird, im Gegensatz zu der
unterdrückteren
– und unterdrückenden – Atmosphäre, auf welche die früheren
Avantgardebewegungen reagiert
hatten. Es mutet heute seItsam an, wenn man daran erinnert, dass in der
Vergangenheit der
öffentliche Geschmack beim Betrachten von abstrakter Malerei ebenso sehr
beleidigt sein
konnte wie bei offen pornographischen Darstellungen. Was solche
offensichtlich divergenten
Reaktionen miteinander verbindet, ist die vorherrschende Einstellung
gegenüber dem, was
sowohl die ästhetische als auch die moralische Ordnung konstituiert hatte,
und wie der Geist
dieser Ordnung sich selbst durch das vermittelte, was in der Öffentlichkeit
gesagt oder gesehen
werden konnte oder eben nicht gesagt oder gesehen werden konnte. Die heutige
liberale Kultur
unterscheidet sich von der konservativen, traditionalistischen Gesellschaft
der Vergangenheit
dadurch, dass die Abgrenzung zwischen den öffentlichen und den privaten
Bereichen des
Lebens unklar geworden ist. Hinsichtlich der persönlichen Moral ist zum
Beispiel das, was die
Menschen ‘hinter verschlossenen Türen’ tun, nicht länger eine Angelegenheit
der Zensur im
öffentlichen Diskurs. Heutzutage füllt sich die öffentliche Massenkultur
frohgemut mit dem
voyeuristischen Genre des ‘Bekenntnisfernsehens’, die am unmittelbarsten in
‘Reality’-Shows
wie etwa Big Brother anzutreffen ist, bei denen das Fernsehvergnügen aus dem
Beobachten
der Bloßstellung und der fehlenden Privatheit der anderen resultiert.
Diese sich verändernde Natur dessen, wie die öffentliche Sphäre reguliert
wird, hat auch die
Wirkungen verändert, die aus der Anwesenheit der Kunst in der öffentlichen
Sphäre resultieren,
und da die Massenmedien zunehmend wichtig dabei geworden sind, wie die
Realität vermittelt
wird, so ist die Kunst in vielen Fällen in jene an der Sensation
orientierten Formen der
Verbreitung hineingezogen worden, die die Massenmedien anbieten. Es gibt
keine bessere
Erklärung für den Erfolg der Sensationskunst des letzten Jahrzehntes oder
für den Aufstieg des
Künstler-Stars, als die Rolle, die die Massenmedien bei der Integration der
Kunstproduktion in
eine breitere Kultur der Massensichtbarkeit gespielt haben. Und diese
Sichtbarkeit definiert sich
durch das explizite Anderssein der Kunst: um in der zeitgenössischen Kultur
als Kunst sichtbar
zu sein, sollte sie auf eine andere Weise als die sonstigen Formen der
Kultur in Erscheinung
treten, in mancher Hinsicht offensichtlich alternativ und nur in jenen
Formen
grenzüberschreitend, die bereits als akzeptabel gebilligt sind.
Diese Fragen nach der Trennung und Interaktion zwischen den Arten der
Zurschaustellung, der
Massenkultur, der ästhetischen Form und der institutionellen Trennung bilden
in vielerlei
Hinsicht einen Schlüssel zu den Strategien, die von Artists Anonymous
eingesetzt werden. Es
gelingt ihnen, eine Form der erkennbaren Trennung zwischen Kunst und Kultur
mittels einer
anderen Form von Trennung ins Wanken zu bringen. Und bei jeder Trennung
finden wir diese
durch eine weitere innere Opposition gespalten, welche eine andere Frage bei
der Begegnung
zwischen Kunst und Leben oder zwischen Massenkultur und Kunstwelt zum Thema
hat.
Die bemerkenswerteste dieser Trennungen und Oppositionen und zugleich
diejenige, die uns
ganz unmittelbar in die komplexen Verfahren ihres Werkes hineinzieht, ist
die Verwendung der
Verdoppelung und Umkehrung, und zwar in der und durch die Malerei und deren
Widerspiegelung in der Fotografie. Artists Anonymous bringen, anders als so
viele
fotorealistische Maler der Vergangenheit, Malerei und Fotografie in einen
direkten Kontakt
miteinander. Anstelle der abwesenden Fotografie, die die Vorlage für ein
Gemälde bildet, das
anwesend ist, werden ihre Gemälde jeweils paarweise zusammen mit ihren
‘Nachbildern’
präsentiert – dabei handelt es sich um Fotografien des Gemäldes in
Negativ-Farbumkehrung,
die im gleichen Größenmaßstab wie das Gemälde selbst präsentiert werden. Die
Tatsache,
dass die Gemälde von fotografischen Quellen ausgehend produziert werden und
dann durch
die Umkehrung in der paarweisen Zusammenstellung mit der Fotografie
verdoppelt werden,
macht diese Bilderpaare zu dialektischen Loops, in welchen das Originalbild
selbst nicht mehr
wichtig ist. Farbnegative weisen im Gegensatz zu Schwarzweißnegativen ein
visuelles
Interesse auf, das über ihren Status als reine ‘Negative’ hinausgeht. Was
bei den paarweisen
Fotografie/Gemälde-Zusammenstellungen erstaunt, ist, dass die Idee des
‘Negativs’ selbst
umgekehrt wird: Es gibt nicht länger ein Negativ eines Positivs oder ein
Gemälde nach einer
Fotografie, sondern vielmehr ein Gemälde und eine Fotografie, die zu einer
gegenseitigen
Umkehrung werden und jegliche Idee einer Originalfotografie und eines auf
diese folgenden
Gemäldes verwerfen. Dies wird weiter kompliziert durch die Tatsache, dass
bei vielen der
paarweise zusammengestellten Arbeiten das Gemalte, das sich selbst als das
‘Positiv’ zu
verstehen gibt, bereits voll von Ausschnitten mit Negativ-Umkehrungen ist,
und zwar in vielen
Fällen so, als ob die physischen Motive selbst mit ihren eigenen
Umkehrfarben gemalt worden
wären. In dem Diptychon Drugs werden diese Verdoppelungen und Umkehrungen
zum Extrem
getrieben, wie etwa bei jenem Raum, in welchem die Motive zu sehen sind, der
seinerseits ein
Spiegelzimmer ist, in welchem jede Wand eine Widerspiegelung bildet.
Diese Taktik der endlosen Umkehrung – das Negativ eines Negativs, das kein
Positiv ist – stellt
eine Frage der Wahrnehmung dar, die ein konzeptuelles Problem, eine
ästhetische Begegnung
bildet, die zu einer kognitiven Erfahrung wird. Wir haben uns an die
Erfahrung eines nach einer
Fotografie entstandenen Gemäldes gewöhnt, gerade so, wie wir uns an die
Erfahrung des
Negativs von einem Farbfoto gewöhnt haben, deshalb bringen Artists Anonymous
uns dazu, die
Kategorien der Realität und Wiedergabe als etwas zu erfahren, das über das
hinausgeht, was
von einem dieser technologischen Kriterien gewährleistet werden kann. Das
heißt, wenn wir ein
Farbbild als ein ‘Negativ’ erkennen, nehmen wir gewöhnlich an, dass es
irgendwo ein ‘korrektes’
Bild, also ein Positiv-Bild der Realität gibt.
Oder wenn wir uns ein nach
einer Fotografie
entstandenes Gemälde ansehen, vergewissern wir uns des Ursprungs des
Gemäldes in der
Realität der zugrunde liegenden Fotografie, wenn auch nicht unbedingt der
Realität des Ortes,
der mittels der Technologie der Fotografie wiedergegeben wird. In jeder
dieser technologischen
Beziehungen zur Realität wird von einem normalen Funktionieren der
Wiedergabe
ausgegangen, wo Realität und Bild in einer Hierarchie der Nachprüfbarkeit
existieren. Die
Verdoppelungen und Umkehrungen, die Artists Anonymous in ihren Gemälden und
Fotografien
einsetzen, präsentieren uns eine schockierende Erfahrung in Hinblick auf die
konventionelle
Unterscheidung zwischen Gemälde und Fotografie. Als die Fotografie dazu
tendierte, sich die
privilegierte Relation zur Wirklichkeit in der modernen visuellen Kultur
anzueignen, hat sich die
Malerei in ihren zeitgenössischen Formen zu einer Darstellung hin bewegt,
die sich in
imaginären oder phantastischen Modi vollzieht. Aber der Schock, den Artists
Anonymous
hervorbringen, ist dergestalt, dass jetzt auch die Technologie der
Wiedergabe keinerlei
gesicherten Zugang mehr zu einer prosaischen Realität anbietet.
Dieser Schock wird, wie es scheint, im Dienste einer grundlegenderen
Vorstellung von Realität
eingesetzt, als ihn weder eine Fotografie als solche noch ein Gemälde als
solches liefern
können. In der Ausstellung/Installation Drugs war eine Wand neben dem
Diptychon mit
folgendem Slogan bekritzelt: “Ich male negative abstrakte fotorealistische
Gemälde. Was zum
Teufel machst du?” Hier sticht hervor, dass das, was gemalt wird, abstrakte,
also nicht einfach
“negative” fotorealistische Gemälde sind. Hier nun machen sich Artists
Anonymous wiederum
daran, einen offensichtlichen Gegensatz in der Geschichte der
Avantgarde-Malerei
zusammenbrechen zu lassen: den Konflikt zwischen figurativer and abstrakter
Malerei, der die
Moderne so sehr beschäftigt hat. Während dieser schließlich durch das
Eindringen der
Fotografie in die Rhetorik der malerischen Darstellung verdrängt wurde,
bleibt jedoch ein Aspekt
der Abstraktion wichtig. Gerade die Abstraktion war in der Lage, die
Erfahrung des Malens und
des Betrachtens der Wirkungen des Mediums selbst auf rechte Weise zu
befreien: Farbe,
Gestik, Geschwindigkeit, nicht-illusionistischer Raum, Flächigkeit usw. sind
Eigenheiten, die die
optische Anwesenheit von Materialität anbieten kann – eine Realität in sich,
und nicht bloß das
Bild einer anderswo existierenden Realität. Indem sie sich in ihren
komplexen Umkehrungen
von Gemälden und Fotografien auf das Abstrakte berufen, weisen Artists
Anonymous darauf
hin, dass diese Bilder als eine ästhetische Realität an und für sich gesehen
werden sollten. Was
zählt, ist die Erfahrung der Verdoppelung und Umkehrung als solche – eine
Erfahrung, welche
den Betrachter nicht veranlasst, nach dem ‘Ursprung’ des Bildes zu suchen,
sondern uns eher
ermutig, uns der Fähigkeit des Kunstwerks bewusst zu werden, die
untergeordnete Beziehung
eines Kunstwerks zur Realität zu überwinden – sei es malerisch oder
fotografisch.
Die Bilder
von AA repräsentieren nicht, sondern präsentieren vielmehr die Stellung des
Bildes, wenn die
Kunst versucht, sich an die Realität zu wenden.
Wenn natürlich die endlose Verdoppelung und Umkehrung beim Hervorbringen von
Bildern
durch Malerei und Fotografie in Gang gesetzt wird, öffnet sich das nächste
Loop. Was für eine
Art von Welt ist es letzten Endes, die hier dargestelt wird? Die Welt von AA
ist seltsam, jedoch
erkennbar. Es ist eine Welt von phantastischen Figuren oder auch von Figuren
mit
Clownsmasken (jedoch nicht von maskierten Clowns), von erotischen oder
pornographischen
Begegnungen, von verkleideten oder umgestalteten Körpern, wobei alles in das
grell-bunte,
kaleidoskopartige Licht der umgekehrten Farbpalette von AA getaucht ist.
Aber obwohl die
Inhalte oft als exotisch erscheinen, können diese Szenen nicht als Fiktionen
beschrieben
werden. Sie geben nicht vor, sich auf eine unabhängige Realität anderswo zu
beziehen, sei
diese nun fiktional oder fantastisch. Sie sind vielmehr Inszenierungen,
Formen einer
inszenierten Zurschaustellung wie ein erstarrtes Theater. Es sind Szenen von
Exzess und
Gewalt, Spiel und Katastrophe. Szenen, die von den visuellen Formen der
Gebrauchsartikel der
städtischen Massenkultur durchdrungen sind – obwohl diese nur der Abfall der
Warenkultur und
nicht die glatten, glänzenden Produkte sind, die von der Markenindustrie und
den
Unternehmensmedien hervorgebracht werden.
Dies bringt erneut eine Verdoppelung, eine innere Komplizierung bei der
Identität der
Protagonisten mit sich: Diese eigenwilligen Körper sind die exzentrischen
Manifestationen von
all dem, was unorthodox ist. In einem anderen Jahrhundert wären dies
vielleicht die Figuren der
Bohème und der Subkultur der Avantgarde gewesen, die sich selbst gegen den
orthodoxen,
katholischen Anstand stellten. Heutzutage sind sie die Körper einer
ausgedehnten, populären
Subkultur, die sich von den Zwängen der puritanischen Orthodoxie befreit
hat. Aber wenn die
Körper der Bohème jetzt Teil einer größeren Gemeinschaft sind, die den
marginalen sozialen
Status der Bohème nicht länger erfordert, hat dies einen Einfluss darauf,
wie wir diese Inhalte
im Hinblick auf den Status der Kunst als einer kulturellen Alternative
verstehen. Was wir in
diesen Szenen finden, sind Figuren, die die heterogenen Körper der
populären, sich von den
orthodoxen unterscheidenden Bilder repräsentieren, die von der industriellen
Massenkultur
vermittelt werden, die sich aber andererseits ebenfalls von der inzwischen
nicht mehr
bohemehaften Subkultur der zeitgenössischen Kunst unterscheiden. Sie sind
nicht einfach
‘Invasionen’ oder ‘Übernahmen’ des Bildes des Populären in die Subkultur der
zeitgenössischen
Kunst hinein. Dies würde ja bedeuten, die Demarkationslinie zwischen
Massenkultur und Kunst
intakt zu lassen. Weil jedoch diese Figuren und diese Szenen durch die
beiden Technologien
von Fotografie und Malerei erzeugt werden, rückt diese Synthese vielmehr das
kulturelle
Problem eben jener Abgrenzung in den Vordergrund. Diese beiden
unterschiedlichen
Technologien – Malerei und Fotogafie – unterhalten unterschiedliche
Loyalitäten einerseits zu
den Massenmedien und andererseits zur populären Kultur: während die
Technologie der
Fotografie dazu tendiert, das autoritative Bild der Unternehmenskultur auf
einen jeden einzelnen
zu projizieren, ist die Malerei eine Form von Handwerk, die sich, ohne sich
dabei festzulegen,
sowohl an der aristokratischen Exklusivität als auch an den ausgegrenzten
Formen des
populären visuellen Ausdrucks orientiert.
Es überrascht nicht, dass Tattoos,
Graffiti und
Körpermalerei in diesen Bildern auftauchen, die durch die Technik – das
‘Können’ – des
fotorealistischen Staffeleimalers dargestellt werden.
Aber während sowohl bei Künstlern als auch bei Nicht-Künstlern ein
Widerstand gegenüber
dem Aufzwingen der Unternehmenskultur allgemein verbreitet ist, scheinen
Artists Anonymous
nicht irgendeine einfache Lösung oder das herbeigesehnte Zueinanderfinden
dieser beiden
getrennten Gemeinschaften anzubieten. Artists Anonymous befürworten weder
die populäre
Kultur innerhalb der Kultur der zeitgenössischen Kunst, noch beabsichtigen
sie die Kunst als
eine abgesonderte Kultur, die gegenüber dem gleichgültig ist, was sich
außerhalb von ihr
befindet. Dies sind dann nicht die Figuren von realen Menschen oder eines
besonderen
sozialen ‘Körpers’. Es sind vielmehr Symbole des Konfliktes zwischen der
Selbstdarstellung der
Kunst und der Menschen angesichts der Macht einer normativen, industriell
gefertigten Kultur.
Wenn es den Protagonisten dieser Szenen in einem gewissen Sinne an Identität
fehlt, so
kommt das daher, dass das wirkliche Thema hier jene Gewalt ist, die
notwendig ist, um den
Einfluss der industriell gefertigten Medienkultur zu durchbrechen, und ihre
Art, wie sie sowohl
der populären Kultur als auch der Kunst sichere, unbewegliche Identitäten
auferlegt, zu
durchbrechen.
Das ist vielleicht der Grund dafür, dass sich letzten Endes die
Protagonisten, die wir sehen,
immer in einem Zustand der Verkleidung oder Maskerade, der Kostümierung und
körperlichen
Umgestaltung befinden – dies ist die letztendliche Umkehrung von Identität
und Nichtidentität. In
der Landschaft der vorgefertigten Kultur sind alle Identitäten unmittelbar
sichtbar und
transparent, nichts ist unklar oder rätselhaft, nichts kann verborgen werden
– alles muss
dargestellt werden. Bei Artists Anonymous ist hingegen alles verborgen,
alles ist ein Geheimnis,
und es enthüllt sich selbst nur, um sein Gegenteil zu enthalten. Aus diesem
Grund bleiben sie,
obwohl sie ein einziger Organismus sind, dennoch Plural, wobei sie jedoch
eine gewisse
Ungewissheit über das Ausmaß ihrer Pluralität beibehalten.
Hinter Masken und
Vornamen
verborgen, versuchen sie, die Aufmerksamkeit beim Werk zu belassen und sie
nicht auf die
‘Identität’ des Künstlers zu lenken, dieses Totems der zur Sensation
gemachten Kunst, deren
extremen Sichtbarkeit. Da die Techniken der künstlerischen Tradition mit dem
visuellen Exzess
einer unzensierten populären Ästhetik verschmolzen werden und jeglicher
mögliche Zufluchtsort
einer sicheren Darstellung – Identität – durch sein dialektisches Gegenteil
demontiert wird,
scheinen Artists Anonymous mit gewaltiger Energie zu jenem Projekt der
Moderne
zurückzukehren, bei dem man sich einstmals erhoffte, Kunst und Leben
zusammenzuführen.
Aber statt sich irgendeine unehrliche Lösung der Frage von Kunst und
Gesellschaft auszumalen
oder sich in eine gelehrte Kunst zurückzuziehen, die mit der breiteren
Kultur nichts zu tun haben
will, dienen die Umkehrungen, Widerspiegelungen und Verdoppelungen dazu, zu
zeigen, dass
die Kunst wirklich keine sichere Identität hat, und dass ihr spezielles
Anderssein ihr unter der
Bedingung angeboten wird, dass sie ihre üblichen Bindungen an die breitere
Kultur durchtrennt.
Das ist so, weil sich diese Figuren weder außerhalb noch innerhalb der
Kultur der Kunst mit
Sicherheit identifizieren lassen, weil sie die bequeme, gebilligte Distanz
der Kunst zu bedrohen,
ja in gewissem Sinne zu schockieren scheinen; es ist der Schock einer
Erfahrung, die populäre
und künstlerische Technik in einem allgemeinen Gegensatz zum Schauspiel der
industriell
gefertigten Kultur vermischt. Worauf Artists Anonymous hinweisen, ist
vielleicht Folgendes:
Künstler sollten nicht so sehr vorgeben, einen sentimentalen Punkt finden zu
wollen, an dem
Kunst und Massenkultur zueinanderfinden, sondern eher die Gewalt offenbaren,
die die
Trennung zwischen Kunst und Nichtkunst zunächst hervorruft. Der Schock hat
dann die Kraft,
die erforderlich ist, um es den beiden Bereichen der Kunst und der
Massenkultur zu erlauben,
jeweils in den anderen hinein und durch den anderen hindurch zu sprechen,
sodass, obwohl
diese Trennung beharrlich von den Gebietern der ‘Kunstwelt’ und der Medien
verteidigt werden
mag – sie sind ja darauf bedacht, das Anderssein und die Identität der Kunst
aufrechtzuerhalten
–, anschaulich und eindringlich deutlich gemacht wird, dass diese
Unterscheidung falsch ist.
J. J. Charlesworth © 2008 |