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Artist statement – Peter Feiler
Schon
1918 empfahl Oswald Spengler in seinem Werk “der Untergang des Abendlandes“
den Künstlern, ihre Pinsel beiseite zu legen und lieber Ingenieure zu
werden. Seiner Ansicht nach waren schon damals die Leistungen unserer zur
Zivilisation erstarrten Hochkultur nicht mehr im Bereich der bildenden
Künste zu suchen. Die Sprachlosigkeit der Kunst vor den “Errungenschaften“
der Industrialisierung erinnert mich auch an Adornos Forderung, nach
Auschwitz keine Gedichte mehr zu schreiben.
Heute sehen wir uns einer gut geölten Kulturindustrie gegenüber, die sich in
weiten Teilen inhaltlich vom Profitgedanken korrumpieren lässt. Den
ungeheuren Budgets für Film und Musikprodukte, und der Verzahnung mit
Merchandising (z.B. Computerspiele, Kaffeetassen) und medialer Präsenz auf
globaler Ebene, kann der freischaffende Künstler in Eigenregie kaum etwas
entgegen setzen.
Ich behaupte, die Werbeindustrie erschafft wesentlich effektiver ästhetische
und kulturelle Realitäten (Menschenbilder), als irgendwelche Kunstaktionen.
Für die Zukunft sehe ich das Kulturschaffen in noch viel fundamentalerem
Ausmaß den musealen Reliquien überlegen: durch die mehrwertorientierte
kreative Neugestaltung des Menschen selbst, z.B. durch Gentechnik oder die
Kopplung neuronaler Netze an eine virtuelle Realität. Dem könnte man
entgegen halten, die Kunst sei im Gegensatz zu profanen Produkten zweckfrei.
Das ist meiner Ansicht nach allerdings idealistische Augenwischerei: mit
Kunst kann man Steuern sparen, Prestige erlangen und Geschmack beweisen oder
einem Besitzfetisch, der Sammelleidenschaft nachgehen. Es ließe sich sogar
das Kaufen zweckfreier Dinge, als eitler Auftritt einer zynischen Dekadenz
interpretieren. Mithin kommt ein Museumsbesuch einer erkauften Erinnerung
wahlweise an bessere oder schlechtere Zeiten gleich.
Aber wollen wir den totalen Markt? Wollen wir ihn, wenn nötig, totaler und
radikaler als wir ihn uns überhaupt erst vorstellen können?
Was mich antreibt, sind Ekel, Angst und Ohnmacht.
Im Sozialismus gab es Staatsbetriebe, heute kommt es mir so vor als würden
sich mehr und mehr Betriebsstaaten entwickeln, in denen Politikern
demokratische Alibifunktion zukommt, und die sich selbst angreifen, um
Energiekriege zu führen, oder die Patente auf Leben anmelden, um mit dem
genetischen Bauplan Macht über biologische Ressourcen zu erlangen. Terror
wird als Vorwand genommen, Demokratie auszuhöhlen und repressive Instrumente
der Kontrolle und Überwachung zu installieren. Ich sehe aus dem Kontext von
Handelsunionen das Generieren neuer Superstaaten, völlig undemokratisch und
an der Stimme des Volkes vorbei. Gesetze werden von Lobbygruppen
geschrieben, oder von Kanzleien, die gleichzeitig Konzerninteressen
vertreten. Im Wettlauf um die Globalisierung ist der Neoliberalismus an
erster Stelle. Aber Kapitalismus braucht keine Demokratie.
Zu welch moralischen Sternstunden die moderne Kunst in unserer schönen neuen
Welt fähig ist, darüber durfte ich mich in einer kunsttheoretischen Kotblüte
eines gewissen Boris Groys belehren lassen. Der Autor vergleicht allen
Ernstes die Exzesse in Abu Ghraib mit einer Kunstperformance. Die darin
ersichtliche postheroische, zur Freiheit einladende Würdelosigkeit des
Westens, sieht er als probates Mittel im symbolischen Tausch mit dem
Märtyrertod der Terroristen.
Den „gelassenen“ postheroische Umgang mit Krisen sehe ich als blasierte
Stilisierung, und zugleich als Offenbarungseid vor einer vermeintlich
komplexen Welt, in der der gesunde Menschenverstand sich seines Naturrechts
nicht mehr sicher sein darf, selbst legitime Urteile fällen zu können. Zum
Beispiel darüber, dass das Zinssystem einer Versklavung gleichkommt, oder
dass drei riesige Stahlkonstruktionen nicht mit zwei Flugzeugen fachgerecht
zerlegt werden können. Die Selbsterniedrigung und Entwürdigung in der
modernen Kunst so wie Groys sie positiv formuliert, sehe ich viel eher, ohne
mich selbst auszuschließen, als psychologische Kompensation der eigenen
Machtlosigkeit. Auf einem der nächsten Bilder sei ihm eine Folterbank
reserviert.
Schattenseiten - Peter Feiler
Lakonisch und unbewegt sitzt ein Mann, die Bierdose in der Hand, ein
aufgeschlagenes Buch auf den Beinen auf der Bank einer Bahn, die an
fleischfarbenem Rauch spuckenden Industriegebäuden vorüber fährt. In seinem
offenen Hemd liegen seine Eingeweide brach; Kopf und Gesicht sind nur Sehnen
und Knochen, aus denen glanzlose Augen in Nichts starren als hätte man die
Haut, den Schutz gegen die Außenwelt abgezogen und festgestellt, dass sich
nichts Geheimnisvolles hinter der äußeren Hülle verbirgt, kein Funke, keine
Leidenschaft, nur sich in der Leere auflösende, dumpfe Einsamkeit,
abgeschottet von dem Geschehen um ihn herum: eine zweite, weibliche Figur,
nackt bis auf noch weniger als die bloße Haut, Arme und Beine in Schmerzen
verkrümmt scheint sich in Agonie aufzulösen, während nackte Kinder wie
Kobolde durch das Bildfeld tanzen…
Eine Szene, die direkt in die Monotonie des Alltäglichen, in den freudlosen
Alltagstrott der scheinbar immer gleichen Irgendjemande in einer
inventarisierten Umgebung blickt und deren Innerstes im wahrsten Sinne nach
Außen kehrt: Es offenbart sich ein Blick auf eine verheerende Gefühlswelt
der Protagonisten in der weiten Spanne zwischen völliger Resignation,
Sinnsuche und einem fast existentialistischen Weltschmerz (S-Bahn-Szene,
2002).
Die Experimentierfreudigkeit und Vielseitigkeit, die in den Arbeiten Peter
Feilers (*1981, Halle an der Saale) zum Vorschein kommen, machen seine
Arbeiten schwer greifbar. Doch die Fülle von Themen, von orgiastischen über
ganze Weltsysteme bis hin zu einer beiläufigen Kritik der hoch
intellektualisierten Egomanie der Gegenwart (das Paradoxon einer
individualisierten Gesellschaft, 2001), die er wie in einem Wirbel in seinen
bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Bildern behandelt, drehen sich um
das zentrale Thema der Abgründe des menschlichen Seins.
Durch das ungewöhnliche Medium Buntstift relativiert Peter Feiler seine
Groteskerien mit einer pastellartigen Farbigkeit und gibt dem brisanten
Topos dessen, „was der Mensch dem Menschen antun kann“ (Peter Feiler) eine
unschuldig-kindliche Patina, die in starkem Kontrast zu den anzüglichen,
fast pornografischen Posen mancher seiner Protagonisten steht:
In der „Reifeprüfung“ (2002) verbirgt sich eine latente Aggressivität in
Gestus und Mimik der Protagonisten hinter der sanften Farbgebung und
filigranen Ausführung der übergroßen Blätter der giftigen Dieffenbachia und
zieht den Betrachter in den Bann ihres Detailreichtums, nur um ihn derart in
falscher Sicherheit wiegend mit der vollen Brutalität der schwärzesten Seite
der menschlichen Seele zu konfrontieren: Missbrauch, Vergewaltigung, Folter,
Kinderschändung, die Peter Feiler mal nur angedeutet, mal in krasser
Bildlichkeit vor Augen führt. „Ich bin kein Missionar“, sagt Feiler über
sich selbst, „Ich will die Menschen nicht ändern. Aber vielleicht kann ich
sie dazu bringen, dass sie durch die Auflehnung gegen die Provokation etwas
Gutes entdecken.“
„Sex hat sehr ambivalente Konnotationen“ erklärt Feiler, und so
konzentrieren sich seine orgiastischen Federzeichnungen vor Allem auf die
negativen, manischen Aspekte eines zum Industrieprodukt degradierten
Geschlechtsakts. Es wimmelt von nackten Leibern, offenen Wunden, von
zugleich abstoßenden und faszinierenden Details, von Gier, Geilheit,
Selbstverletzung und der psychotischen Lust an Schmerz und Zerstörung – ein
Porträt der Schattenseiten der menschlichen Seele (Feier, 2003), deren
Konsequenzen er in der Zeichnung „Der letzte Mensch“ (2002) vorschlägt: Mit
glänzenden schwarzen Augen lauert eine Spinne dem alten, gebrochenen Mann
auf, hinter dem ein Knochenmann – sein Alter Ego? Die Hybris selbst? – sich
vor der kolossalen Architektur im Hintergrund aufbäumt.
Das epische Ausmaß seiner offenen Erzählweise, die sich aus einzelnen
Fragmenten und Bruchstücken zu einem verwirrenden Geflecht
unterschiedlichster Zusammenhänge spinnt, lässt ein Weltengemälde entstehen,
in dessen Figurengewimmel Menschen mit gigantischen Insektenlarven kämpfen,
bierbäuchige Reiter über die Dächer einer unwahrscheinlichen, einer
unmöglichen Stadt galoppieren und sich kopfüber fast wie ein Mond eine
alternative Welt ins Bild schiebt. Die Grenzen zwischen Spaß und Horror
zerfließen. Bruchstückhaft aufflackernde Szenen greifen ineinander, wirbeln
in ein Blitzlichtgewitter widersprüchlicher Assoziationsketten: Peter Feiler
spielt das Sichtbare gegen das Bemerkbare aus (Hüpf, Hopf, 2003). Er bietet
keine Lesrichtung an, er verzichtet auf den roten Faden und zwingt den
Betrachter, sich auf die Komplexität, die Verknotungen und humorvollen
Details eines selbstreferentiellen Systems einzulassen und eine eigene
Geschichte daraus zu formen.
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