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Wenn in Island Berge versetzt werden, dann ist dies nichts Besonderes.
Schließlich könnten im Inneren Elfen wohnen! Vor größeren Baumaßnahmen
sichern sich Firmen und Behörden meist bei einer Elfenbeauftragten ab und
auch der Großteil der Bevölkerung ist dem Glauben an Elementargeister und
Trolle sehr verbunden. Sie gehören zum Leben auf der rauen Insel wie ihre
Vulkane, Gletscher und Geysire. Wo Naturgewalten bekämpft werden, gibt es
auch vermeintlich unerklärliche Phänomene und wo der Verstand nicht hilft,
springen Phantasie und Überlieferungen ein, denen Island eine ganze
Palette übernatürlicher Wesen verdankt. Aus diesem unendlichen Fundus
schöpft auch die Isländerin Sigga Björg Sigurðardottir (*1977), die in
ihren Zeichnungen, Wandgemälden und animierten Videos dann aber
menschliche Verhaltensweisen und problematische Gefühle thematisiert. Wie
kleine haarige Biester treiben die schelmischen Wesen ihren Schabernack,
vergießen dabei allerhand Körperflüssigkeiten, würgen und spucken, triefen
und sabbern. Teilweise wirken die Szenerien recht abstoßend, doch werden
auch tiefste Emotionen zum Ausdruck gebracht. Sie weinen und schreien, sie
piesacken und foltern einander. „Der Gegensatz zwischen Grauen und
Schönheit und dem Zustand, in den man verfällt, wenn man nicht weiß ob
etwas schön oder ekelhaft, lustig oder traurig ist, hat mich schon immer
fasziniert. Haben Sie schon einmal angefangen zu lachen, wenn etwas
Schreckliches passiert? Ich schon, und es ist kein gutes Gefühl…“, so die
Künstlerin.
Ein ähnlich mulmiges und schwer zu beschreibendes
Gefühlsgemisch stellt sich auch als Betrachter der Assemblagen der jungen
Deutschen Künstlerin Latefa Wiersch (*1982) ein. Wie Sigurðardottirs
Geschöpfe wirken auch Wierschs Objekte wie aus einer anderen, sehr
geheimnisvollen Welt. Ein schützender Lampenschirm beleuchtet die
unter ihm platzierten roten Schuhe, aus denen eine undefinierbare,
fleischige Masse quillt. Man hat bei der Arbeit „Heim“ den Eindruck, in
eine versteckte Kellerecke oder einen Bettunterschlupf zu blicken, an dem
jemand zu Hause war und etwas Geheimnisvolles hinterlassen hat.
Assoziationen von Geborgenheit und Schrecken im trauten Heim stellen sich
ein. Ein kleines altes Holzhaus löst zudem ein zwiespältiges
Gefühlsgefüge zwischen Geheimnisvollem und Morbidität bei dem Besucher
aus, der in das Häuschen eintritt. Er wird Teil der Skulptur und dringt in
die Intimsphäre einer abwesenden Person ein, der sein Zuhause mit Rotlicht
dramatisch und durch zurückgelassene Gegenstände zudem heimelig inszeniert
hat. Aus gefundenen Alltagsgegenständen entstehen bei Wiersch außerdem
hybride Klangkörper, die von weicher Kleidung überwuchert werden. Die
Gefühlsregungen des Betrachters schwanken hier zwischen Nähe und Distanz,
auch da aus dem Inneren der Körper in unregelmäßigen Abständen Geräusche
wie Knurren oder Jammern zu hören sind.
Anhand von neuen
Zeichnungen, Wandmalereien und Videos von Sigga Björg Sigurðardottir und
aufregenden Objekten von Latefa Wiersch ermöglicht die Doppelausstellung
„BEAST“ einen interessanten Dialog zwischen Island und Deutschland. Beide
Künstlerinnen spielen mit der Verschmelzung von Empfindungen wie gut und
böse, schön und hässlich, angsteinflößend und bemitleidenswert, niedlich
und monströs. Während Sigurðardottir hierzu ihre isländischen Wurzeln
befragt und diese instinktiv zu Papier bringt, sammelt Wiersch
Gegenstände, um sie danach in Assemblagen zu emotionalen
Projektionsflächen werden zu lassen. Beide Positionen lassen den
Betrachter nicht kalt und bieten ihm die Möglichkeit einer Reise ins Reich
der widersprüchlichen Emotionen zwischen Lachen und Weinen, Zuneigung und
Abscheu, Mitleid und Schadenfreude.
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