Anouk Kruithof - Texte

 

Bilder wie Fragezeichenkrümmungen

Was geschieht in diesen Bildern unter dem Titel Becoming Blue, was unter Berücksichtigung des Hintersinnigen diverse Übersetzungen zulässt – von „Blauwerden“ mit Blick auf die azurblauen Hintergründe, bis zu „Traurigwerden“ oder „Zustände kriegen“. Anouk Kruithof ist sich bewusst, dass die Farbe Blau traditionell als Farbe des Himmels oder des Wassers gilt, dass sie das Ferne, das Unendliche, das Göttliche, das "Geistige" symbolisiert. Das Agieren ihres Bildpersonals steht in sichtbarem Widerspruch zur Stimmung des Meditativen und Entspannten. Blau sind die guten Geister, nicht die der Wirrnis. Zielgerichtet denkt die Künstlerin diesen Konflikt innerhalb ihrer Bilder mit. Sie forciert ihn sogar. Das Blaue ändert damit seine Wirkung, stimmt zusehends nicht mehr nur positiv und verschwimmt in einem emotionalen bzw. auch psychischen Zustand eines Dazwischen, in das die Bildgestalten eingespannt sind. Sind diese Figuren Inszenierungen von Anouk Kruithofs Hirngeburten? Sind es Spastiker, Irrsinnsgestalten, ein Personal, das schauspielerisch versucht, seelische Inhalte bewusst zu machen, die mit willentlicher Anstrengung nicht geäußert werden können? Es kommt einem so vor als ankerten diese Gestalten ein bisschen außerhalb unserer Welt, an der Grenze vom Angst machenden Ungeheuerlichen zum Bestimmbaren, als würde eine Schicksalsturbine sie ständig zwischen festem Grund und Abgrund hin- und her blasen. Die 21 Figurenbilder und 3 Stillleben dieser jungen Künstlerin sind so ergreifend stark, dass sie ihr Geheimnis zu halten vermögen. Es sind keine Schnappschüsse und keine dokumentarischen Fotografien, die vor sich hinplappern würden. Sie träumen sich aber auch nicht hinweg ins Nebulöse wenn überhaupt, dann zuerst wohl in Richtung himmlischer Wolkenformationen in metaphorischen Seelenfenstern. René Magritte wäre der einzige, der davon ein Lied singen könnte. Durch die Figurenbilder bekommt einerseits ein Äußerungskontext Wirkkraft, der mit einem Verlust der Orientierung in Verbindung gebracht werden kann. Durch die Stillleben mit Einblick in einen unklaren, fiktiven, Ängste vor Eingeschlossensein weckenden Ort wird andererseits der Eindruck der Verworrenheit stufenweise, von Bild zu Bild verstärkt. Nur ein einziges Mal signalisiert ein offener Türspalt einen Ausweg. Mit ihrer Thematisierung des Unbewussten, in dem sich die Zeit fieberschubund wellenartig im Kreis dreht, reagiert die Künstlerin auf ein panisches Zeitgefühl, das dem uferlos gewordenen Nichtwissen über die Konsequenzen menschlichen Handelns in den sich gegenwärtig addierenden Krisen auf erschreckende Weise entspricht.

Diese fotografische Serie, entstanden in mehreren Sessions zwischen 2006 und 2008 und nun präsentiert in vier verschiedenen Bildgrößen, hat die Form eines Fragezeichens. Es fängt im Ungefähren an, krümmt sich mal nach dieser, mal nach jener Seite des Gefähren und endet wieder im Ungefähren. Jede Fragezeichenkrümmung ist ein Rätselstück. Insofern wird man sie auch mit Sprachklimmzügen nicht ganz fassen können. Für die Erstellung ihrer Bildserie Becoming Blue lud sich die Künstlerin Personen mit bemerkenswerter Individualität und spezifischem Ausdrucksverhalten ein. Anouk Kruithof verbringt ausgiebig Zeit in öffentlichen Räumen, nur um Verhaltensdispositionen und die Gesichter der Seele zu studieren. Das mag sonderbar klingen. Die exzeptionellen Ergebnisse ihrer Sessions bestätigen ihren Ansatz. Für einen Studiotermin musste jeder/jede, der/die bereit war, mit der Künstlerin zu arbeiten, ein blaues Kleidungsstück nach eigener Wahl anziehen und zusagen, dem Ungewissen nicht aus dem Weg zu gehen. Jeder Person erlebte und gestaltete die Studiosituation auf eigene Weise. Die Endresultate dieser Interaktion zwischen der Künstlerin und den Eingeladenen sind insofern bildliche Zwischenresultate einer Überraschung (vielleicht sogar einer Konfrontation) und eines künstlerischen Erfahrungsabschnitts, aber sie sind auch ein Stück weit Porträts, freilich ungewöhnliche Bildnisse, weil die TeilnehmerInnen der ein- bis dreistündigen Sessions, das verraten die bildlichen Ergebnisse, präsent sind mit ihrer ganzen körperlichen und geistigen Existenz und einem jeweils individuellen Ausdrucks- und Reaktionsverhalten, das Gelassenheit, Aufgeweckt- oder Erschrockensein zeigt. Manch einer sitzt auf seinem Stuhl wie eine Öffnung des Nichts, als ob er die Zeit durch sich hindurchwehen ließe. Andere wirken, als wollten ihre psychische Last sie gleich explodieren lassen. Anouk Kruithof hat, während sie ihre Gegenüber fotografierte, mit unvorhergesehenen Interventionen Stück für Stück Spannungsbögen auf- und wieder abgebaut, von einer Kennlernphase über eine Stimmung des Ausgeliefertseins bis zur Entspannungsphase. Das Resultat sind Bilder von Erscheinungen wie aus einer neurotischen Zwischenwelt. Merkwürdige Finger oder dritte Arme im Bild, eine Nadel in der Hand oder Haar im Rücken sind Zufälligkeiten, die nicht retuschiert wurden und das Außergewöhnliche dieser Begegnungen und der daraus entstandenen radikalen Bildproduktion ausmachen. Anouk Kruithof inszeniert Vieldeutigkeiten und Doppelbödigkeiten auf klarer, klassisch fotografischer Grundlage, konzeptionell stringent erarbeitet. Für die Präsentation des Projekts Becoming Blue hat sie ein Wand- und Raumkonzept entwickelt, zu dem auch eine in der Mitte des Raumes befindliche Installation von ca. 45 Kubikmetern gehört, bestehend aus gut 4000 aufgeschichteten Büchern, die durch ihre Verarbeitung, verschiedene Papiere
und unterschiedliche Buchblöcke ein heterogenes Ensemble ergeben. Farbschnitte leuchten in diversen Farben.

Das alles erzeugt ein körperlich erfahrbares Landschaftsbild, das sich dialogisch zum blauen Farbhintergrund der Porträts verhält, in poetischem Schwung. Dieses Denken in Farbe und Bildmerkmalen ist der deutlichste Beweis, dass auch der Erarbeitungsprozess der Fotos für Anouk Kruithof nicht zufällig und kein Selbstzweck ist, kein Experiment, keine Testreihe, sondern ein nach den Regeln des Schönen, d.h. in Kenntnis der Merkmale der ästhetischen Wahrnehmung vollzogener, insofern künstlerisch notwendiger Vorgang.


von Christoph Tannert

 

 

 
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