Johannes Wende - Text

 


Anschauliche Denkgebäude

Text von Walter Grasskamp zu den Arbeiten “Große Kunstausstellung” und “White boxes”


Im 30. Kapitel des Science-Fiction-Romans “Auf zwei Planeten”, der 1897 in Weimar erschien, besuchen Außerirdische vom Mars das “Erdenmuseum”. Leider wird die Idee einer musealen Gesamtpräsentation der Welt vom Autor, Kurd Laßwitz, literarisch und thematisch völlig verschenkt.
Auch im Roman “Die Zeitmaschiene” des nun wirklich genialen englischen Science-Fiction-Autors H.G. Wells bleibt das Museumskapitel weit hinter den Möglichkeiten dieses faszinierenden Motivs zurück.
Wie könnte, wie müsste ein solches Erdmuseum aussehen? Etwa so wie in der Fotoserie “Große Kunstausstellung”, die Johannes Wende 2000 hergestellt hat - mit Seifen und Klebepunktrastern, Wandhaken und Haarspangen?

Wohl kaum. Wende ist nicht an einem Erdenmuseum interessiert, sondern greift die künstlerische Auseinandersetzung mit dem musealen Ausstellungsraum auf, die Marcel Duchamp mit seinen ready-mades begonnen hat.

Duchamp ist nicht der einzige Ahne, der für Wendes Paraphrase auf den inzwischen sprichwörtlich gewordenen “White Cube” (Brian O´Doherty) in Frage kommt.

Seine Umkehrung der Größenverhältnisse zwischen Betrachter und Alltagsobjekt lässt auch an Claes Oldenburg denken. Ist es eine unverhoffte Aktualität der Pop Art, die in der Bildserie von Johannes Wende sichtbar wird?

“Making Exhibitions of Ourselves”, wie in den achtziger Jahren ein britisches Buch zur Museumstheorie angekündigt wurde, markiert den Impuls der Pop Art vielleicht besser als jedes andere Motto. Jedenfalls passt es zur “Großen Kunstausstellung” von Johannes Wende, zumal eine weitere Fotoserie, nämlich “White boxes” (2001), explizit an die Arbeit von Andy Warhol anknüpft, der sie eine überraschende Wendung gibt.

Für diese Serie hat Wende Rechtecke aus Waschmittelkartons ausgeschnitten, die er in deren Inneren als plausible Sammlung zeitgenössischer Kunstwerke aufreiht. Nur wenige der handelsüblichen Waschmittelkartons sind übrigens weiß, was zu denken gibt. Diese boten Johannes Wende jedoch die Möglichkeit einer frappierenden Inversion: Die Brillo-Box als Asyl des Tafelbildes!

Diese Ausstellungsräume sind von erfrischender Schlichtheit. Während zeitgenössiche Architekten den Museumsbau zunehmend als Gelegenheit betrachten, einer Sammlung ihre Handschrift überzustülpen, behandelt Wende seine Kunstkisten nicht als aufdringliche “Signetarchitektur”, sondern befolgt die Grundregeln der Kunstpräsentation: “Vier Wände und Oberlicht” (Georg Baselitz, 1979).

Wie viel dieser Signalcharakter des “White Cube” für die Erkennbarkeit von Kunst geleistet hat, das ist in den letzten Jahren von zahlreichen Vertretern der Kontextkunst durchgespielt worden. Johannes Wende behaust diese Reflexion in Museums-Miniaturen, die ebenso einfach wie durchtrieben sind. In ihnen geht es nicht - wie in Duchamps berühmten Vertreter-Koffer “Boîte-en-valise” (1936) oder Herbert Distels “Schubladenmuseum” (1970) - um die Verkleinerung von Werken, deren Autoren identifizierbar sind. Vielmehr wird hier die Autorenschaft von Kunst so vorsätzlich banalisiert, als hieße der Museumsdirektor R. Mutt.

Auch wenn an ihnen zunächst die Idee der Verkleinerung besticht, sind diese Kunstkisten also keine Miniaturen, sondern anschauliche Denkgebäude. In ihnen wird die moderne Reflexion über Kunst und ihrer Abhängigkeit vom Kontext so weit komprimiert, dass sie letztlich doch in ein Erdenmuseum gehören, wo sie der Abteilung Kunst des 20. Jahrhunderts übrigens viel Platz sparen würden.
 

 



Text zu den Arbeiten „Grosse Kunstausstellung“ und „white boxes“

Die Bilder zeigen: Große Kunst, eindeutig. Monumental große, weiße Räume geben der Wahrnehmung den Schritt an: was hier hängt und steht, hat die Weihen der Musealisierung und imposanten Inszenierung verdient. Der zweite Blick lässt stutzen, erkennt Altvertrautes und entlarvt schliesslich die Fotografie als Impresaria, die aus Seifen und Klebehaken raumgreifende Skulpturen und aus Verpackungsausschnitten riesige Tafelbilder werden lässt.
Sind beide Wahrnehmungen durchlaufen, müssen wir uns entscheiden: Ist alles „Große Kunst“, was in einer „Große Kunstausstellung“ steht und hängt? Akzeptieren wir von nun an unsere Alltagswelt als potenzielles Kunstwerk? Und welches Museum hat solche Lagerhallen?

 

 
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